{"id":1129,"date":"2020-10-11T08:22:07","date_gmt":"2020-10-11T08:22:07","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/?post_type=exhibition&#038;p=1129"},"modified":"2021-06-08T05:32:07","modified_gmt":"2021-06-08T05:32:07","slug":"zunge-verlieren-losing-tongue","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/zunge-verlieren-losing-tongue\/","title":{"rendered":"Zunge verlieren (losing tongue)"},"content":{"rendered":"<p>Die Kunstgeschichte und die Geschichte des Hundes gehen Hand in Hand. Abbildungen von Hunden in H\u00f6hlenmalereien in Saudi-Arabien stammen aus der Zeit um ca. 9000 v. Chr. Domestizierte Hunde erschienen in der \u00e4gyptischen Kunst und Bildsprache und erinnern an den Schakalgott Anubis, der die Seele der Verstorbenen in die Halle der Wahrheit f\u00fchrte. In der westlichen Kunstgeschichte symbolisierten sie Status, Loyalit\u00e4t, Schutz und Liebe. Im 17. und 18. Jahrhundert tauchte jedoch eine neue Art der Darstellung von Hunden auf. In der Ecke einiger der harmlosesten Architekturdrucke kann man einen kleinen Hund entdecken, der eine S\u00e4ule oder einen Pfeiler anpinkelt. Der lockige Spielzeugpudel, der als wiederkehrendes Motiv in Katharina H\u00f6glingers Werk vorkommt, spielt eine \u00e4hnliche Rolle. Er \u00e4hnelt sowohl einem Pl\u00fcschtier als auch einem richtigen Hund, und mit seiner kleinen Zunge, die ihm aus dem Maul h\u00e4ngt, zeigt er, dass Kunst von Elementen der Freude und des Humors ebenso durchdrungen sein kann wie von Ernsthaftigkeit.<\/p>\n<p>H\u00f6glingers Kompositionen und Inhalte spielen auch mit den traditionellen Tropen der Kunstgeschichte \u2013 Blumen in einer Vase, dem Akt. Doch ihre Sicht auf Pose und Geste durchzieht ein feministischer Subtext. Dass sich die Betrachter*innen mit diesen fast offensichtlichen Genres auseinandersetzen und sich zu ihnen hingezogen f\u00fchlen \u2013 dessen ist sich die K\u00fcnstlerin bewusst, und im gleichen Ma\u00dfe ver\u00e4rgert und erfreut dar\u00fcber. Doch ihr schneller, spielerischer Ansatz nimmt diese Bez\u00fcge, steckt sie in einen Mixer und macht sie originell und unerwartet.<\/p>\n<p>In den Malereien sind auch Ankl\u00e4nge an das Autobiographische zu vernehmen, aber ihre wiederkehrenden Frauenfiguren haben ein Eigenleben. Deren Narrativ entsteht als Antwort auf Gespr\u00e4che und Beobachtungen, die die K\u00fcnstlerin in ihrem Leben anstellt, lebt aber unabh\u00e4ngig von den eigenen Erfahrungen der K\u00fcnstlerin weiter. Selbstportr\u00e4t auf Umwegen. In ihren Gem\u00e4lden, Textilarbeiten und Arbeiten auf Papier sind oft fragmentierte K\u00f6rperteile dargestellt \u2013 ein Herz, ein schwebendes Auge, eine wackelige Nase, kleine schlaffe Br\u00fcste, ein Fu\u00df. Diese schnell ausgef\u00fchrten Elemente haben eine symbolische oder emotionale Resonanz, aber die Interpretation der Bedeutung ist der Betrachterin \u00fcberlassen. Sie spiegeln die Geschwindigkeit ihres kreativen Prozesses wider. Ideen und Bilder, die der K\u00fcnstlerin zuflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ihre Farbpalette kann zuweilen psychedelisch und eigenwillig wirken. Sie verwendet nicht nur Pigmente und \u00d6lfarbe, sondern auch Textilfarbe, Kleiderfarbe und Filzmarker. Mode ist etwas, das \u00fcber die Materialien hinaus in ihr Werk einflie\u00dft. Ihr Umgang mit ungrundierter Leinwand oder Textilien spielt oft mit Lichtdurchl\u00e4ssigkeit. In den K\u00fcnstlerinnenb\u00fcchern, die sie kreiert hat, sind T-Shirts als grafische, bemalte Seiten eingen\u00e4ht. Ihre Arbeiten wurden auch dadurch aktiviert, dass sie als Kleidungsst\u00fccke in einem Ausstellungskontext getragen oder ausgestellt wurden. Sie wachsen irgendwie aus den Gem\u00e4lden heraus \u2013 als w\u00fcrden sie die unordentlichen Schlafzimmer ihrer Figuren betreten. Katharinas Initialen erscheinen in ihren Bildern wie ein handgezeichnetes Markenlogo und spielen mit der Idee des Brandings, der Ware und dem Topos der k\u00fcnstlerischen Handschrift. Die Bedeutung der Buchstaben beginnt sich jedoch im Werk aufzul\u00f6sen. So werden sie eher zu einem grafischen Muster und visuellen Motiv, als dass sie auf etwas Bestimmtes verweisen.<\/p>\n<p>Der Ausstellungstitel <em>Zunge verlieren (losing tongue)<\/em> ist zentral f\u00fcr die hier versammelten Arbeiten. Diese Metapher des Verlierens eines K\u00f6rperteils reflektiert das eigene Gef\u00fchl der Ohnmacht der K\u00fcnstlerin im gegenw\u00e4rtigen politischen, biologischen und sozialen Moment. Auch r\u00fchrt sie an das Bed\u00fcrfnis, in der \u00d6ffentlichkeit zu performen, sich dort zu pr\u00e4sentieren, und den Konflikt, der dadurch innerlich entsteht. Sprache und Worte versagen. Stattdessen werden uns in H\u00f6glingers Welt visuelle Metaphern und Symbole pr\u00e4sentiert, um die emotionale Resonanz des Jetzt einzufangen.<\/p>\n<p>Text von Francesca Gavin, \u00fcbersetzt aus dem Englischen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":1131,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/1129"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}