{"id":1303,"date":"2020-12-30T14:01:22","date_gmt":"2020-12-30T14:01:22","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/?post_type=exhibition&#038;p=1303"},"modified":"2022-02-23T12:18:27","modified_gmt":"2022-02-23T12:18:27","slug":"beach-road-scissors","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/beach-road-scissors\/","title":{"rendered":"Beach Road Scissors"},"content":{"rendered":"<p>Thea Moellers Metallarbeiten und die flexiblen Eigenschaften des Materials<\/p>\n<p>Thea Moellers Metallarbeiten basieren auf vorgefertigten Metallelementen wie Bandeisen, Formrohren und L-Profilen, die im Handel unkompliziert erh\u00e4ltlich sind und in der Industrie sowie im Bauwesen in vielf\u00e4ltigen Kontexten Verwendung finden. Sie sind zudem, und das ist f\u00fcr ihren regul\u00e4ren Einsatz ebenso entscheidend wie f\u00fcr ihre k\u00fcnstlerische Verwendung, vergleichsweise leicht zu bearbeiten und in die gew\u00fcnschte Form zu bringen. Sie gelten als sogenanntes \u201eHalbzeug\u201c \u2013 mit diesem Begriff werden einfache, vorgefertigte Werkst\u00fccke bezeichnet, die meist aus einem einzigen Material bestehen und die Vorstufe der Produktfertigung bilden. Bei den Bandeisen handelt es sich um Streifen aus flach gewalztem Stahl, bei den Formrohren um einfache Stahlrohre; L-Profile sind Winkelprofile, f\u00fcr die ein Blech im Winkel von 90 Grad gekantet wird.<\/p>\n<p>Stahl besteht \u00fcberwiegend aus Eisen. Wie sein Ausgangselement wird er h\u00e4ufig mit H\u00e4rte, Festigkeit und Schwere assoziiert. Tats\u00e4chlich aber zeichnet er sich \u2013 im Unterschied zu Gusseisen \u2013 gerade durch seine Formbarkeit aus, kann gebogen, gewalzt oder geschmiedet werden. Diese bis zu einem gewissen Grad auch in kaltem Zustand gegebene Formbarkeit macht sich Thea Moeller in ihren Arbeiten zunutze. Sie w\u00e4hlt in der Regel eine Dicke von 3\u20134 Millimetern und eine L\u00e4nge von 3 Metern. Die St\u00fccke bleiben damit von der Gr\u00f6\u00dfe her handhabbar und lassen sich gerade noch ohne aufwendigen Maschineneinsatz bearbeiten.<br \/>\nIn der Bearbeitung ergeben sich scheinbar paradoxe Effekte. Aufgeschnittene, geknickte L-Profile und zu l\u00e4nglichen Schlaufen gebogene Bandeisen erinnern auf den ersten Blick an feste Gummib\u00e4nder, die zwischen Wand und Boden verspannt werden oder schlaff von der Decke herabh\u00e4ngen. Farbige Bemalungen verst\u00e4rken zus\u00e4tzlich diesen Eindruck. Dabei bringt, was zun\u00e4chst wie eine illusionistische Verwandlung des Materials wirkt, bei genauerer Betrachtung gerade dessen spezifische Qualit\u00e4ten zum Ausdruck \u2013 dass Stahl n\u00e4mlich nicht einfach hart und starr ist, sondern im Gegenteil biegsam und flexibel sein kann, ohne eine gewisse Festigkeit und Schwere einzub\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Arbeiten verweigern sich jeglicher Monumentalisierung, wie sie im Feld der Stahlplastik insbesondere von m\u00e4nnlichen K\u00fcnstlern immer wieder vollzogen wurde. Als Exempel mag hier der US-amerikanische Bildhauer Richard Serra dienen, dessen massive und mitunter bedrohliche Arbeiten aus tonnenschwerem Cortenstahl \u00fcberdeutlich auf ihre schwerindustrielle Herkunft verweisen und deren charakteristische Rostschicht den Materialcharakter zus\u00e4tzlich betont. Thea Moellers bemalte Oberfl\u00e4chen markieren hier einen Gegensatz, doch ist ihr Vorgehen nicht weniger \u201ematerialgerecht\u201c. Die geringere St\u00e4rke des Materials, seine Verformung und die Bemalung, h\u00e4ufig in leuchtenden Farben, verweisen vielmehr auf die allt\u00e4gliche Verwendung von Stahl als Rahmen und Verkleidung \u2013 etwa in der modernen Architektur und im Automobilbau.<\/p>\n<p>Der Vergleich ist nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt, sondern verweist auf die Bedeutung der Ikonografie des amerikanischen Traums der Nachkriegszeit, wie er sich in Architektur und Industriedesign manifestierte, f\u00fcr Thea Moellers Praxis. W\u00e4hrend einer Residency am MAK Center for Art and Architecture in Los Angeles (2016) entwickelte sie eine Art Typologie \u00f6ffentlicher Swimming Pools. 2019 installierte sie im Rahmen der Gruppenausstellung <em>FuelSave<\/em> eine Reihe aus eingeschnittenen und gebogenen L-Profilen und Stahlrohren gebildeter <em>Drivewayloops<\/em> auf dem Areal einer aufgelassenen Tankstelle im Wiener Au\u00dfenbezirk Simmering. Der suburbane Raum und seine Architektur markieren hier wichtige Bezugspunkte.<\/p>\n<p>Die geknickten und gebogenen Oberfl\u00e4chen der Arbeiten, deren Bemalung immer wieder kleine Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten aufweist, oszillieren zwischen dem perfekt lackierten, gl\u00e4nzenden Edelstahl des Karosseriebaus, auf das etwa die kalifornischen <em>Finish Fetish<\/em>-K\u00fcnstler reagierten, und dem Schrottplatz \u2013 man denke an C\u00e9sars oder John Chamberlains aus Karosserieteilen und anderen Blechen zusammengepresste Plastiken. Doch verweigern sich Thea Moellers Arbeiten auch deren komprimierter Massivit\u00e4t und setzen dem Konglomerat die identifizierbare Einzelform entgegen.<\/p>\n<p>Dabei verfehlen diese Vergleiche den Status der Farbe in Thea Moellers Praxis. Sie w\u00e4hlt weder Fundst\u00fccke noch vorlackierte Teile, sondern tr\u00e4gt die Bemalung stets selbst mit dem Pinsel auf, sodass sich ein andeutungsweise sichtbarer \u201eDuktus\u201c ergibt. Damit definiert sie die Objekte zus\u00e4tzlich als Malereien, was die kulturelle und mediale Vielfalt der Bezugssysteme \u2013 Skulptur und Malerei, Architektur und Design, Kunst und Industrie, um nur einige zu nennen \u2013 zus\u00e4tzlich erweitert.<\/p>\n<p>CHRISTIAN BERGER ist Kunstwissenschaftler und unterrichtet an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. Er besch\u00e4ftigt sich vor allem mit konzeptualistischen Praktiken der 1960er und 1970er Jahre sowie mit Materialit\u00e4t und k\u00fcnstlerischen Techniken und ist Herausgeber des Sammelbands Conceptualism and Materiality: Matters of Art and Politics (Brill Studies in Art &amp; Materiality, 2019).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":1309,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/1303"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}