{"id":1411,"date":"2021-04-07T10:14:23","date_gmt":"2021-04-07T10:14:23","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/?post_type=exhibition&#038;p=1411"},"modified":"2021-08-22T14:01:17","modified_gmt":"2021-08-22T14:01:17","slug":"now-is-i-know","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/now-is-i-know\/","title":{"rendered":"Now Is I Know"},"content":{"rendered":"<p>In Indien werden raubkopierte, englische B\u00fccher von den Stra\u00dfenkindern bei roter Ampel an den Autos und deren Insassen vorbeigetragen (w\u00e4hrend ich das schreibe, erinnert mich das irgendwie an das H\u00f6hlengleichnis \u2013 die Bewegung des Vorbeitragens, das Gefesseltsein an das Lenkrad, der Versuch, die Titel und damit den Sinn der einzelnen B\u00fccher zu erkennen, ja, auch das Geblendetsein, wenn man dem Auto entsteigt. Nun egal). Diese B\u00fccher sind nat\u00fcrlich, wie alles, das vorbeigetragen wird, zum Verkauf bestimmt. Von dort stammt meine, eigentlich von Routledge herausgegebene, Ausgabe der Sammlung von Fragmenten und Notizen Walter Benjamins. Er spricht da in einer Anmerkung von \u201ethe protective colouring of the planet\u201c. Nun hat er diese Anmerkung nat\u00fcrlich auf deutsch niedergeschrieben, die einf\u00fchrende Geschichte steht hier als Erkl\u00e4rung warum ich diesen Begriff auf Englisch zitiere, und auf Englisch \u00fcber ihn nachdenke. Eventuell ist er aber nicht nur anekdotisch, sondern ganz urs\u00e4chlich, mit dieser Sprache verbunden, dadurch, dass dieses Englisch \u2013 als lingua franca \u2013 f\u00fcr so viele Gestrandete, Entwurzelte auch so etwas wie ein \u201eprotective colouring of the planet\u201c hat; etwas, das sie in die Welt einbettet, indem es ihnen erm\u00f6glicht, wieder Auge in Auge mit der Welt zu kommunizieren. Nun spricht Walter Benjamin davon, dass das Grau des herannahenden Unheils, der Faschismus, dieses \u201eprotective colouring of the planet\u201c zer\u00adrissen, zerst\u00f6rt hat, dass es dies nun so nicht mehr gibt. Dies hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass es nicht dennoch davon noch eine Erinnerung g\u00e4be. Allein \u00adindem er davon spricht, wird eine \u00adErinnerung erzeugt, und, so wie das bei vielen Erinnerungen ist, m\u00fcssen wir sie in uns suchen.<\/p>\n<p>Aus einem \u201eprotective colouring of the planet\u201c, wenn man es sich nun als eine Art von Einklang innerer und \u00e4u\u00dferer Gef\u00e4rbtheit vorstellt, k\u00f6nnte man nun leichten Herzens Expeditionen unternehmen, sich von der eigenen in \u00adandere, fremde Farbgegenden bewegen. Und hier kommen wir zu Constanze Schweigers Arbeiten, so wie ich sie bis jetzt kannte. Ich sah sie als eine Art Expeditionen, formale \u2013 ja, formale, eventuell mehr als konzeptuelle \u2013 in verschiedene Farblogiken. Dies kann man eventuell auch als verschiedene Farblandschaften beschreiben, mit Licht und Schatten, S\u00fcmpfen und H\u00f6hen, austariert, wie im Landschaftsbild zwischen Farbvaleurs, aber freigestellt von Narration.<\/p>\n<p>Hier erscheint es mir nun ein wenig anders. Sie selbst schreibt: <em>Die F\u00e4rbungen sind Mai bis September 2020 entstanden, mit selbst gesammelten Pflanzen, die ich beim Spazierengehen fand oder die mir Freunde, Familie geschenkt haben: Brennnesseln aus dem Garten der Akademie oder L\u00f6wenzahnbl\u00e4tter aus den Weing\u00e4rten am Cobenzl oder Walnusskapseln vom Naturdenkmal Am Himmel. Ich hab einiges kennen gelernt, wie Wilde M\u00f6hren, oder dass die Rinde von einem Kirschzweig beim Auskochen nach Kirschen riecht.<\/em><\/p>\n<p>Dies klingt f\u00fcr mich wie eine Bewegung, die unternommen wird, um sich selbst wieder der Welt zu versichern. Klingt wie jemand, der oder die von einer Reise nach Hause kommt und dort alles abgeht, die Hand \u00fcber alles gleiten l\u00e4sst, \u00fcberall hineinsieht, um zu sehen, ob alles noch da ist.<\/p>\n<p>Sie hat \u00fcber diese Bewegung ein Tagebuch gef\u00fchrt, eine Form, die wir vor allem als literarische kennen, die aber mit diesem Namen viele forschenden Berufe begleitet und solche T\u00e4tigkeiten, bei denen man zu jeder Zeit Rechenschaft dar\u00fcber geben k\u00f6nnen soll, was man denn da eigentlich getan hat. Sie nennt es auch ein F\u00e4rbetagebuch.<\/p>\n<p>In all dem schwingt nat\u00fcrlich diese Zeit der Pandemie mit, mit deren Auswirkungen wir noch leben werden, wenn die Ausstellung er\u00f6ffnet, und aus der wir unmittelbar kommen. Corona hat in einer Weise f\u00fcr uns ebenfalls eine Art Reise beendet, und dieser Moment des Zu-Hause-Ankommens und die eigene Umgebung erst einmal begreifen zu m\u00fcssen (und auch hier spielt die Haptik im Wort <em>greifen<\/em> eine Rolle) hat den Anfang bestimmt, die Notwendigkeit, die wir sp\u00fcrten, uns \u00fcber die Vorkommnisse der Tage Rechenschaft abzu\u00adlegen, damit sie nicht einfach so vorbeigingen, beschreibt den weiteren Verlauf.<\/p>\n<p>Auch diese Arbeit nun hat \u00adformale Aspekte, die gew\u00e4hlten Farben haben zudem ihre \u00adeigene Logik. Constanze Schweiger schreibt: <em>Pflanzenfarbstoffe sind organische Farbstoffe, sie reagieren vor allem auf Licht, aber auch Sauerstoff oder den pH-Wert der Umgebung. Die F\u00e4rbungen werden sich auf der Vorder- und R\u00fcckseite der Objekte unterschiedlich ver\u00e4ndern. Das Giluform<\/em> [der verwendete Gips] <em>f\u00e4rbe ich sehr leicht mit Erdpigmenten ein. Erden sind den Pflanzenfarben irgendwie \u00e4hnlich, aber anorganisch, daher lichtstabil. Ohne die F\u00e4rbung wirkt der eingef\u00e4rbte Gips \u00addiffus wei\u00dflich \u2013 hellbeige \u2013 \u00adgr\u00e4ulich, neben der F\u00e4rbung wirkt er bunt, bekommt eine definiertere Farbe.<\/em><\/p>\n<p>\u00dcber diese formalen Aspekte hinaus hat diese neue Arbeit aber auch einen narrativen Aspekt oder m\u00f6glicherweise eher so etwas wie eine Gestimmtheit, eine Melancholie \u00fcber die Prekarit\u00e4t dessen, der oder die nach diesem \u201eprotective colouring of the planet\u201c sucht \u2013 und manchmal aus Lebensnotwendigkeit danach sucht. Walter Benjamin beschreibt diese Gef\u00e4rbtheit weiter, indem er sagt, es sei das, was uns vergewissert: \u201ethat it speaks our language, too\u201c. Ich muss dies weiterhin in dieser Sprache zitieren, wegen der indischen Stra\u00dfenkinder, wegen all der \u201ecommons\u201c, dem, was uns allen eignet, und doch nicht: die gemeinsame Sprache, die Natur, die Welt.<\/p>\n<p>Text von Ariane M\u00fcller<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":1496,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/1411"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1496"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}