{"id":1575,"date":"2021-06-24T15:08:53","date_gmt":"2021-06-24T15:08:53","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/exhibition\/duo-exhibition\/"},"modified":"2021-10-21T15:56:30","modified_gmt":"2021-10-21T15:56:30","slug":"duo-exhibition","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/duo-exhibition\/","title":{"rendered":"The Other Sleeps in All Things Around"},"content":{"rendered":"<p>In seinem 1911 erschienenen Aufsatz \u201eDer Henkel\u201c beschreibt der deutsche Soziologe Georg Simmel das Prinzip des Henkels damit, \u201eder Vermittler des Kunstwerkes zur Welt hin zu sein, der doch selbst in die Kunstform v\u00f6llig einbezogen ist\u201c.[1] In dem von Simmel formulierten Anspruch, die praktische Funktion nicht nur aus\u00fcben zu k\u00f6nnen, sondern sie auch noch im Einklang mit der \u00e4sthetischen Wirkung \u201edurch seine Erscheinung eindringlich\u201c zu machen, liegt die prototypische Hybridit\u00e4t des Henkels begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Diese hybride Qualit\u00e4t zwischen Funktion, Kommunikation und Kontemplation macht sich der zypriotische K\u00fcnstler Phanos Kyriacou in seiner Serie \u201eCommon Handles\u201c zunutze. Doch in Kyriacous Verwendung des Henkels, oder englisch handle, steckt auch ein Wortspiel: In der Informatik bezeichnet man als handle einen Referenzwert zu einer vom Betriebssystem verwalteten Systemressource. Neben \u201eCommon Handles\u201c beziehen sich auch Titel wie \u201eLow Network\u201c oder \u201estanding foot021\u201c auf Werkzeuge und Strukturen jener technologischen Realit\u00e4t, derer wir uns tagt\u00e4glich bedienen, und innerhalb deren Bahnen wir immer gr\u00f6\u00dfere Teile unserer Leben f\u00fchren. In einer Art von Sprachspielen greift Kyriacou Konzepte aus unserem digitalen Alltag auf und \u00fcbertr\u00e4gt sie wortw\u00f6rtlich in eine skulpturale Sprache, macht aus ihnen Objekte. Der Witz dieser Operation besteht in der Holprigkeit dieser Parallelf\u00fchrung \u2013 ihrer gleichzeitigen Pr\u00e4senz als abstrakte Konzepte, die uns aus der Erfahrung mit den diversen Benutzeroberfl\u00e4chen einer ungreifbaren virtuellen Welt nur indirekt bekannt sind, und als konkrete skulpturale Objekte, die wir in einer unmittelbaren r\u00e4umlichen Situation erfahren k\u00f6nnen. Gleichzeitig verweisen diese Hybride in die eine Richtung auf eine ihnen externe user experience \u2013 und in die andere auf ihre physisch-r\u00e4umliche Pr\u00e4senz in der augenblicklichen Situation. So machen sie die Absurdit\u00e4t unserer hybriden Lebensbedingungen, die immer zwischen der Direktheit der Wahrnehmung und der technologisch-sprachlichen Vermittlung stattfinden, einer r\u00e4umlich-k\u00f6rperlichen Erfahrung zug\u00e4nglich. Im gleichen Moment beziehen sich Kyriacous Werke auch auf den architektonischen Raum, spielen mit der Geschichtlichkeit der verwendeten Materialien \u2013 etwa dort, wo das traditionelle Material Terracotta auf die zeitgen\u00f6ssischen Materialien Polyurethan und Aluminium trifft \u2013 und erscheinen dabei wie Chiffren einer mysteri\u00f6sen skulpturalen Sprache. Im Netzwerk zwischen den miteinander kommunizierenden Arbeiten, im sukzessiven Entdecken dieser Multiplizit\u00e4t von Aspekten und Funktionen er\u00f6ffnet sich ein komplexer Erfahrungsraum, der \u00fcber eine bin\u00e4re Idee des Hybriden weit hinausgeht.<\/p>\n<p>In diesem Aspekt einander \u00fcberlappender Realit\u00e4tsebenen liegt ein m\u00f6glicher Ber\u00fchrungspunkt zwischen Kyriacous Arbeiten und jenen der Werkgruppe \u201eFriction in Plain Sight\u201c von Nadia Guerroui. Auch die franz\u00f6sische K\u00fcnstlerin operiert gerne im Raum zwischen unterschiedlichen Systemen der Erfahrung. Trotz, oder gerade wegen der formalen Einfachheit der Arbeiten er\u00f6ffnet sich im Beziehungsnetzwerk der verschiedenen Bedingungen ihrer Pr\u00e4sentation ein Spiel zwischen unterschiedlichen direkten und indirekten Erfahrungsmodi. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Rahmenbedingungen der Wahrnehmung, wie sie durch Licht, Tageszeit und architektonische wie auch nat\u00fcrliche Umgebung gegeben sind. Ihre Eingriffe in die Materialien sowie die Platzierungen ihrer oft ortsspezifisch konzipierten Arbeiten sind mitunter so nahe an der unteren Wahrnehmungsschwelle situiert, dass man sie \u00fcberhaupt erst auf den zweiten Blick erkennt. Oft wird ein spezifisches, gut recherchiertes Material mit geringem Eingriff readymade-\u00e4hnlich zum Werk und r\u00fcckt dabei sensorische und temporale Aspekte in den Vordergrund. Eine weitere Dimension der Rezeption tragen die lyrischen Texte bei, mit denen Guerroui ihre Arbeiten h\u00e4ufig begleitet, oder sie sogar in diese inkorporiert. Eine erkl\u00e4rte Intention der mit diesen Strategien bef\u00f6rderten poetischen Intimit\u00e4t von Guerrouis subtilen Setzungen ist es, eine entschleunigende Wirkung auf die Betrachter*innen auszu\u00fcben \u2013 aber nicht im Sinne einer entspannenden Wellnesstherapie f\u00fcr die m\u00fcden Augen, sondern als Reibung entfaltender Sand im Getriebe der auf schnelle Kategorisierung eingestellten Verarbeitung visueller Information. Im Zeitalter der \u00d6konomie der Aufmerksamkeit soll damit der Geschwindigkeit der Prozesse der digitalen Welt eine Alternative entgegengesetzt werden.<\/p>\n<p>Die Formulierung einer m\u00f6glichen Rolle der Kunst als Modell und Werkzeug f\u00fcr eine Sch\u00e4rfung der Sinne f\u00fcr die verschiedenen Temporalit\u00e4ten der Wahrnehmung und Erfassung der Welt hat eine derart lange Geschichte, dass man versucht ist, in ihr ein Klischee zu sehen. Doch gerade angesichts des schrillen Bilderspektakels unserer medialen Lebensrealit\u00e4ten und der steigenden Dominanz der Regelung unseres sozialen Lebens mittels technischer Prozesse ist im Ph\u00e4nomen der intimen und stillen Begegnung eine kulturelle Technik von h\u00f6chstem Wert zu erblicken. Oder, wie Jean-Luc Nancy formuliert, \u201eMan k\u00f6nnte sagen, dass wir uns um die Begegnung sorgen, weil die Sichtbarkeit der soziotechnischen Prozesse uns aufmerksamer macht \u2013 und uns Angst macht \u2013 gegen\u00fcber der M\u00f6glichkeit, dass die Begegnung ihr Geheimnis, ihre Chance, seine unbedingte Anmut verliert. Und was, wenn uns dies im Gegenteil dazu einl\u00e4dt, diese Anmut mehr zu sch\u00e4tzen zu wissen?\u201c[2]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Georg Simmel, \u201eDer Henkel\u201c, in: ders., Philosophische Kultur, Leipzig 1919 (2. Auflage), S. 116\u2013124.<br \/>\n[2] Carolin Meister und Jean-Luc Nancy, Rencontre (e-book), Paris-Zurich-Berlin 2021, S.6.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":1641,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/1575"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1641"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}