{"id":1728,"date":"2021-10-21T15:37:22","date_gmt":"2021-10-21T15:37:22","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/exhibition\/nickelodeon-universe\/"},"modified":"2021-12-02T12:00:37","modified_gmt":"2021-12-02T12:00:37","slug":"nickelodeon-universe","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/nickelodeon-universe\/","title":{"rendered":"Nickelodeon Universe"},"content":{"rendered":"<p>I\u2019ll tell you what I want, what I \u00adreally, really want, so tell me what you want, what you really, really want.<sup>1<\/sup><\/p>\n<p>Ab Mitte der 1990er Jahre pr\u00e4gte der US-Fernsehsender Nickelodeon mit seinen spektakul\u00e4ren Live-Action-Shows, Zeichentrickserien und Sitcoms Kindheitserinnerungen auch im deutschsprachigen Raum. Als eigener Sender existierte er in Deutschland zun\u00e4chst nur bis 1998, startete 2005 dann erneut und ist mit \u201eNick Austria\u201c seit 2006 auch auf dem \u00f6sterreichischen Markt vertreten. Erdacht als eine Welt f\u00fcr und von Kindern wurde der private Kanal bereits Ende der 1970er, der gro\u00dfe Erfolg, die globale Expansion und Hyper-Kommerzialisierung stellten sich schlie\u00dflich ab den 90ern ein. Seitdem wurden abertausende Merchandise-Artikel, zwei Freizeitparks und Themen\u00adhotels produziert.<\/p>\n<p>Der rotierende Konvexspiegel am Beginn von Ellen Schafers Ausstellung \u201eNickelodeon Universe\u201c verortet die Besucher*innen als diejenigen, die (sich) beobachten und zugleich beobachtet werden. Vor den Augen des omnipr\u00e4senten Anderen werden sie Teil eines Universums, indem das kommerzielle Kids-TV als Metapher einer allumfassenden neoliberalen Logik fungiert. Die Wahrnehmung durch den Spiegel wird getr\u00fcbt durch ein sich endlos wiederholendes \u201eI like it\u2026 it likes me\u201c, das per Hand auf der Vorderseite des Spiegels eingraviert ist. In Anlehnung an einen Seven Up-Slogan markiert Schafers \u201eMirror\u201c ein Verh\u00e4ltnis zur Welt, das sich in Konsum und Selbstbest\u00e4tigung konstituiert. In dieser Welt werden Gef\u00fchle wie Befriedigung, Genuss, Begeisterung oder Aufregung zu zentralen Kategorien des Handelns.<\/p>\n<p>Das Navigieren durch die Welt offenbart sich als ein Prozess der Kommodifizierung<sup>2<\/sup>, in dem Identit\u00e4t zur Ware wird. F\u00fcr \u201eBilla Plus\u201c modifizierte Schafer einen Einkaufswagen der mittlerweile nicht mehr existierenden Merkur-\u00adSupermarktkette und f\u00fcgte eine Frontplakette mit dem Grundriss der \u201eMall of America\u201c in Minnesota bei, dem mit j\u00e4hrlich 42 Millionen Besucher*\u00adinnen gr\u00f6\u00dftem Einkaufzentrum der Welt. Sowohl dort als auch in der Megamall \u201eAmerican Dream\u201c, die, mitten in der globalen Pandemie, 2020 in New Jersey er\u00f6ffnete, findet sich ein \u201eNickelodeon Universe\u201c-\u00adVergn\u00fcgungspark. Schafer wuchs selbst im New Jersey der 1990er auf, einer Zeit, in der das \u201eEnde der Geschichte\u201c<sup>3<\/sup> verk\u00fcndet wurde und sich ein \u201ekapitalistischer Realismus\u201c<sup>4<\/sup> endg\u00fcltig durchsetzte. Die Erfahrung der Millennials in einer rundum vermarkteten Lebenswelt sozialisiert zu werden, findet auch Ausdruck in der von Schafer gestalteten \u201eSponsoren\u201c-Tapete, deren Markenlogos vertraut wirken, obwohl sie von der K\u00fcnstlerin, gemeinsam mit der Designerin Ella Gold, neu entworfen wurden. Sie zitieren Stile, die Unternehmen als einzigartig darstellen und ihnen Wiedererkennungswert verleihen sollen.<\/p>\n<p>Der Ma\u00dfstab des Besonderen gilt nicht nur f\u00fcr die vorgebliche Authentizit\u00e4t gefragter Waren, sondern auch f\u00fcr die individuelle Selbstdarstellung. Die gelungene Ausstattung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit mit besonderen Dingen und Erlebnissen wird im kapitalistischen Realismus zur Richtschnur eines erfolgreichen Lebens. Als ein solches, ultimatives Ereignis l\u00e4sst sich das \u201eSliming\u201c verstehen, das zur absoluten Trademark der \u201eNickelodeon\u201c-Welt wurde. Etliche Celebrities wie Teilnehmer*innen wurden in verschiedenen Shows mit der schleimigen, gr\u00fcnen Masse begossen. Als individuelle oder kollektive Erfahrung kann sie ebenso Erniedrigung in einem Moment des Scheiterns sein wie auch Freude und Feier ausdr\u00fccken. Die Popularit\u00e4t des Events f\u00fchrte zu zahlreichen, kaufbaren \u201eSlime\u201c-Dingen und Erlebnissen, von Spielzeug \u00fcber Fr\u00fchst\u00fcckszerealien zu Hotels mit M\u00f6glichkeit, sich \u201eslimen\u201c zu lassen. Das gr\u00fcn gef\u00e4rbte Licht im letzten Raum von Schafers Ausstellung ist Referenz auf das Begehren, selbst Teil der Gesellschaft des \u201eSlime\u201c-Spektakels zu werden. \u00dcber die QR-Codes der Tapete sind kurze animierte Grafiken verf\u00fcgbar, die die ma\u00dflos \u00fcbertriebenen Inszenierungen zeigen<sup>5<\/sup>. In einer Zeit, in der die \u201esubjektive Erf\u00fclltheit als ein Phantasma scheint, dem das reale eigene Leben [&#8230;] kaum je gen\u00fcgt\u201d<sup>6<\/sup> wirken gerade Kindheitserinnerungen der heute erwachsenen 90s-Kids kompatibel. Das Infantile pr\u00e4gt das Wesen eines \u201ekapitalistischen Surrealisten\u201c, der \u201edas System nicht vern\u00fcnftig akzeptieren [m\u00f6chte], mit der Option, das Akzeptable eventuell vom Inakzeptablen zu trennen, er m\u00f6chte es vielmehr auf die Spitze treiben. Der kapitalistische Surrealist empfindet sich nicht als Erwachsener, der sich vern\u00fcnftigerweise mit etwas abfindet, sondern als spielendes Kind, das ungehemmt seinen Experimentier- und Zerst\u00f6rungsdrang auslebt\u201c.<sup>7<\/sup> Mark Fisher pr\u00e4gte daf\u00fcr den Begriff der \u201edepressiven Hedonie\u201d<sup>8<\/sup>, eine Kondition, die sich nicht wie bei einer Depression \u00fcblich als Unf\u00e4higkeit, Genuss zu empfinden \u00e4u\u00dfert, sondern im Gegenteil als Unm\u00f6glichkeit, etwas anderes als Genussbefriedigung zu tun.<\/p>\n<p>Ein nickelbeschichteter Schmuck\u00adhalter aus Messing befindet sich als Objekt an der Wand, an dem eine eigens entworfene, silberplattierte Kette mit dem sich wiederholendem Schriftzug \u201eAmaze Within a Maze\u201c befestigt ist. Sie imitiert Modeschmuck, mit dem meist der eigene Name als sichtbares Accessoire getragen wird. Die Details der 90er stehen sinnbildlich f\u00fcr eine Zeit in der das Bild von grenzenlosen M\u00f6glichkeiten zu br\u00f6ckeln beginnt.<sup>9<\/sup> Steigende Ungleichheiten und Krisen bei gleichzeitigem Abbau von Sicherheiten beschw\u00f6ren heute Formen von Nostalgie herauf, die sich jedoch zumeist nicht auf tats\u00e4chliche Ereignisse oder Kulturprodukte richtet, sondern lediglich auf den Konsum derselben. Die Sehnsucht zielt auf eine Vergangenheit, die zitier- und samplebar wird. Sie l\u00e4sst die Gegenwart als ein \u201cunaufhaltsames Erodieren von Zukunft\u201d<sup>10<\/sup> erscheinen. Die Reflektionen und verblassenden Bilder von \u201eEsprit !, Esprit !!, Esprit !!!\u201c bringen die Dissonanz zwischen dem gesellschaftlichen Versprechen auf ein gutes Leben und der Realit\u00e4t, in der sie keine Erf\u00fcllung findet, zum Ausdruck. Schafer verarbeitet in ihrer k\u00fcnstlerischen Praxis die \u00dcberreste einer Konsumkultur, die sich im zunehmenden Zerfalls\u00adstadium befindet und macht das Aufl\u00f6sen ihrer Verhei\u00dfungen sinnlich erfahrbar. Sie verweist darauf, wie gesellschaftliche Begehren unaufh\u00f6rlichen produziert werden und doch immer unerf\u00fcllt bleiben; oder wie Lauren Berlant formuliert: \u201ehow fantasies of belonging clash with the conditions of belonging in particular historical moments\u201c.<sup>11<\/sup><\/p>\n<p>Juliane Bischoff<\/p>\n<p>1 Spice Girls: \u201eWannabe\u201c, 2:53min, 1996.<br \/>\n2 Vgl. Karl Polanyi (1978): The Great Transformation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br \/>\n3 Vgl. Francis Fukuyama (1992): Das Ende der Geschichte. M\u00fcnchen: Kindler.<br \/>\n4 Mark Fisher (2013): Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift. Hamburg: VSA.<br \/>\n5 Diese sind auch direkt \u00fcber die von der K\u00fcnstlerin gestalteten Webseite zur Ausstellung abrufbar: www.slime-time.net.<br \/>\n6 Andreas Reckwitz (2020): Das Ende der Illusionen. Politik, \u00d6konomie und Kultur in der Sp\u00e4tmoderne, Bonn: BpB, S. 204.<br \/>\n7 Markus Metz\/Georg See\u00dflen (2018): Kapitalistischer (Sur-)Realismus. Neoliberalismus als \u00c4sthetik, Berlin: Bertz + Fischer.<br \/>\n8 Mark Fisher (2006): Reflexive impotence. In: k-punk, 11.04.2006, verf\u00fcgbar unter: www.k-punk.abstractdynamics.org\/archives\/007656.html [17.10.2021].<br \/>\n9 Vgl. Reckwitz (2020), S. 18f.<br \/>\n10 Mark Fisher (2015): Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft. Berlin: Edition Tiamat, \u2028S. 24.<br \/>\n11 Earl McCabe (2011): Depressive Realism: An Interview with Lauren Berlant. In: Hypocrite Reader, 6.5: Realism, verf\u00fcgbar unter: www.hypocritereader.com\/5\/depressive-realism\/ [17.10.2021].<\/p>\n","protected":false},"featured_media":1727,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/1728"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1727"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}