{"id":2100,"date":"2022-02-17T10:52:47","date_gmt":"2022-02-17T10:52:47","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/?post_type=exhibition&#038;p=2100"},"modified":"2022-10-16T17:24:22","modified_gmt":"2022-10-16T17:24:22","slug":"lovers","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/lovers\/","title":{"rendered":"Lovers"},"content":{"rendered":"<p>You are (not) alone, Daniel Ferstl<\/p>\n<p>Was den Teilnehmer*innen des Kunstbetriebs schon seit geraumer Zeit schmerzlich bewusst ist, hat sich mittlerweile auch bis in die akademische Soziologie herumgesprochen: \u201eWir leben im kulturellen Kapitalismus,\u201c so Andreas \u00adReckwitz. \u201eIm Modus der Singularisierung wird das Leben nicht gelebt, es wird <em>kuratiert<\/em>. Das sp\u00e4tmoderne Subjekt <em>\u00adperformed<\/em> sein (dem Anspruch nach) besonderes Selbst vor den Anderen, die zum Publikum werden.\u201c<sup>1<\/sup> Auf einem alles durchdringenden Attraktivit\u00e4tsmarkt wird ein Kampf um Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit ausgetragen. Singularisiert wird im Zuge dieser \u201eValorisierungsgesellschaft\u201c nicht mehr nur das (k\u00fcnstlerische) Individuum, sondern ein sozial fabriziertes Geflecht von K\u00f6rperteilen, Dingen und Praktiken.<\/p>\n<p>So vielversprechend die M\u00f6glichkeiten zur Entfaltung und Behauptung des Selbst sich im Zeitalter der omnipr\u00e4senten digitalen Medien auch darstellen, f\u00fchren die erh\u00f6hten Anspr\u00fcche an Besonderheit auf der medialen B\u00fchne zu einer systematischen Ent\u00adt\u00e4uschung. Die Kulturalisierung der Arbeit mit ihrer identifikatorischen Aufladung als Hauptquelle von Lebenssinn und Befriedigung bef\u00f6rdert die sp\u00e4tmoderne Tendenz zur Selbstausbeutung. Das Fallen der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben und die damit einhergehende chronische Ersch\u00f6pfung tragen zur \u00advielfachen Diagnose des \u201e\u00fcberforderten Subjekts\u201c bei.<sup>2<\/sup><\/p>\n<p>In Daniel Ferstls Ausstellung \u201eLovers\u201c fallen zun\u00e4chst die cartoonhaften Figuren auf, die eine gespaltene Existenz in den Galerier\u00e4umen fristen: zum einen als Protagonist*innen von gro\u00dfformatigen Portr\u00e4ts, die als schimmernd bunte, weiche Textilreliefs an den W\u00e4nden h\u00e4ngen; zum anderen in Form von Stofftieren und Sitzm\u00f6beln im realen Raum. Die Accessoires, die ihren Bildnissen den Anschein von allegorischen Darstellungen verleihen, haben sie scheinbar abgelegt. Als h\u00e4tten die Figuren mit dem Verlassen des Bildtr\u00e4gers sowohl den physischen Halt als auch ihre Haltung verloren, wirken sie erschlafft, ersch\u00f6pft, verzweifelt. Ein m\u00f6gliches Narrativ dieser Inszenierung offenbart sich schnell: Ihre seidig-gl\u00e4nzenden, flauschig-weichen Darsteller scheinen aufgespalten in verschiedene \u00adDaseinsbereiche \u2013 in verschiedene, mit diesen einher gehende Bewusstseinszust\u00e4nde. Gegen\u00fcber den ersch\u00f6pften Stoffskulpturen, mit denen die Betrachter*innen die drei\u00addimensionale Pr\u00e4senz im Real\u00adraum teilen, erscheinen die Bilder an der Wand wie imagin\u00e4re Projektionen \u2013 Avatare ihrer selbst. In \u201cA Fool Such As I\u201d (2022), zum Beispiel, steht im Zentrum des Bildes eine offensichtlich mit der Herstellung eines Selfies besch\u00e4ftigte Blume. Um sie herum sind isolierte K\u00f6rperteile und Fragmente von Fitnesscenterutensilien appliziert. Sauber und geordnet umgeben sie das mit muskul\u00f6sen Bl\u00e4tter-Armen posierende Pfl\u00e4nzchen, als w\u00e4ren sie integrale Teile seines per Smartphone zu kommunizierenden Selbst-Bildes.<\/p>\n<p>Mike Kelley schreibt 1989 in seinem Aufsatz \u201eFoul Perfection\u201c \u00fcber den Zusammenhang zwischen Karikatur und dem Grotesken. Er vergleicht dabei auch die namengebenden r\u00f6mischen Dekorationen mit Horrorfilmen der 1980er und sieht eine Parallele darin, dass in beiden F\u00e4llen <em>\u201ethe body becomes an association of pieces at odds with each other \u2013 a group of parts that refuse to become whole\u201c<\/em>. Auch Pornographie ist Kelley zufolge auf dieselbe Weise organisiert. <em>\u201ePornographic parts are cut out and isolated, and thus no less metaphoric: they become objectified stand-ins and irreal substitutes for themselves. In this way they gain the distance of the fetish.\u201d <\/em><sup>3<\/sup><\/p>\n<p>Im Grunde folgt die Insta-\u00adKultur gr\u00f6\u00dftenteils der Logik des Porno. Isolierte Aspekte des Lebens (von menschlichen Subjekten, aber auch von sozialen Formationen), die deren Protagonist*innen auf einer m\u00f6glichst unmittelbar wirkenden affektiven Ebene attraktiv machen sollen, werden als \u201everdinglichte Stellvertreter und irreale Substitute ihrer selbst\u201c zu Fetischobjekten. Gegen\u00fcber diesen fetischisierenden Bildern ist jedes reale Leben schnell mal entt\u00e4uschend. In den Sitz-Poufs, die auf die Ausstellungsr\u00e4ume verteilt sind, vollenden die Darsteller von Ferstls Inszenierung die Metamorphose vom Subjekt zum warenf\u00f6rmigen Objekt und werden zu willf\u00e4hrigen Accessoires des Ausstellungsbetriebs.<\/p>\n<p>Eine merkw\u00fcrdige Erweiterung erfahren die Beziehungsnetzwerke zwischen den ausgestellten Arbeiten durch die abstrakteren Bilder, die ebenfalls an der Wand h\u00e4ngen und stellvertretend f\u00fcr die vermenschlichten Cartoonfiguren deren Attribute aufgreifen. Gemeinsam sind ihnen die gl\u00e4nzenden Herzen als generischste und platteste aller Symbole im Vordergrund, im Hintergrund das kitschige \u00adAllover-Muster der bedruckten Stoffe \u2013 Die Setzung verschiedener Arten von vollkommener Oberfl\u00e4chlichkeit \u00fcbereinander hat einen \u00fcberraschenden Effekt zur Folge: Zwischen den beiden Ebenen tut sich ein ungreifbarer (Nicht-)Raum auf, von dessen Leere eine hypnotische Anziehungskraft ausgeht. Die Titel dieser Arbeiten \u201eAT field (\u2026)\u201c verweisen auf ein Feature der Charaktere der Anime-TV-Serie \u201eNeon \u00adGenesis Evangelion\u201c aus dem Jahr 1995. Die \u201eAbsolute Terror Fields\u201c sind undurchdringliche Kraftfelder, die den \u00adFantasiefiguren der \u201eAngels\u201c und der \u201eEvangelions\u201c als Verteidigungsschilder dienen. Doch auch f\u00fcr die menschlichen Akteur*innen in der TV-Serie erf\u00fcllen die A.T. Fields eine vitale Funktion, <em>\u201cbounding the ego and sense of self of a person from everyone else, allowing them to exist as an individual.\u201d <\/em><sup>4<\/sup><\/p>\n<p>In Daniel Ferstls Kunst findet die eigene Subjektivit\u00e4t ein Gravitationszentrum in der emphatischen Bejahung der Oberfl\u00e4che und der imagin\u00e4ren wie auch symbolischen Leere \u2013 in der Aufgabe des standardisiert-\u00adidealisierten Ichs im Vertrauen auf den eigenen, wie auch immer schr\u00e4g und vermeintlich kitschigen, Geschmack. Die \u201eLeidenschaft des Geschmacksurteils ist das Innerste des Individuums\u201c, so der Philosoph Christoph Menke. \u201eIndem er Kraft ist \u2013 Leidenschaft (pathos) oder Energie\u201c wendet sich der Geschmack \u201eals Verm\u00f6gen autonomer Subjektivit\u00e4t\u201c gegen die Kontrolle durch Operationen der Reflexion und der Anpassung.<sup>5<\/sup> Dennoch ist das Geschmacksurteil niemals beliebig, oder, wie John Waters sagt: <em>\u201eTo understand bad taste one must have very good taste.\u201c <\/em><sup>6<\/sup><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><sup>1<\/sup> Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularit\u00e4ten, Berlin 2017, S. 11 (Kindle-Version).<\/p>\n<p><sup>2<\/sup> Vgl. etwa: Thomas Fuchs et al. (Hg.), Das \u00fcberforderte Subjekt: Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft, Berlin 2018.<\/p>\n<p><sup>3<\/sup> Mike Kelley, \u201eFoul Perfection. Thoughts on Caricature\u201c, erstm. erschienen 1989, in ders., Foul Perfection: essays and criticism. Edited by John C. Welchman, Cambridge, Massachusetts\/London, England 2003, S. 31\u201332.<\/p>\n<p><sup>4<\/sup> https:\/\/evangelion.fandom.com\/wiki\/Absolute_Terror_Field (1. 3. 2022)<\/p>\n<p><sup>5<\/sup> Christoph Menke, \u201eEin anderer Geschmack\u201c, in ders. und Juliane Rebentisch (Hg.), Kreation und Depression. Freiheit im gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus, Berlin 2012, S. 236\u2013237.<\/p>\n<p><sup>6<\/sup> John Waters, Shock Value: A Tasteful Book About Bad Taste, New York 2005.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":2182,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/2100"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}