{"id":2232,"date":"2022-04-20T07:03:50","date_gmt":"2022-04-20T07:03:50","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/exhibition\/komme-gleich\/"},"modified":"2022-05-06T08:26:23","modified_gmt":"2022-05-06T08:26:23","slug":"komme-gleich","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/komme-gleich\/","title":{"rendered":"Komme gleich"},"content":{"rendered":"<p class=\"p2\">Ohne Gegenst\u00e4nde k\u00f6nnen wir nicht leben. Die B\u00fccher, Schallplatten, Sattel aus Marokko oder Beirut, die uns und unsere Objekte tragen, Lautsprecher aus Karatschi, Lampen, St\u00fchle, Sofas und verschiedene Beh\u00e4ltnisse oder Rahmen machen uns aus. Doch wir sind in unterschiedlicher Weise auf Gegenst\u00e4nde angewiesen. Manche von uns brauchen sie, um mit unseren inneren Welten und deren Landschaften in Einklang zu kommen, andere empfinden die Objekte der Welt als belastend und m\u00fcssen sich von ihnen befreien.<\/p>\n<p class=\"p2\">Wir sitzen in einem Zug und fahren durch die Dolomiten, stachelige Berge, die wie zerkl\u00fcftete Meringues aufragen. Eine Reise zeigt uns vieles. Wege k\u00f6nnen bewaldet sein, zugewachsen und in eine Sackgasse f\u00fchren, oder sie sind ger\u00e4umt und f\u00fchren in Tunneln durch Berge. Die Dolomiten erinnern mich an eine Freundin, die ich nicht erreichen kann. Wir gehen aneinander vorbei, verpassen uns aber, vielleicht, weil wir uns in gegens\u00e4tzlicher Weise auf Gegenst\u00e4nde verlassen. Wir werden zu Gef\u00e4\u00dfen, die die andere einfach mit ihrem Inhalt f\u00fcllen kann, eine fl\u00fcssige Projektion, eine Fantasie.<\/p>\n<p class=\"p2\">Das Leben schreitet auf dieser Stra\u00dfe voran, auf allen Stra\u00dfen, mit jedem Schritt vorw\u00e4rts bewegt es sich durch seine Antithese. In den letzten zwei Jahren haben wir diese Stra\u00dfen und die weiten Horizonte der fernen Abenteuer gegen die Konturen unserer Wohnst\u00e4tten ausgetauscht. Die W\u00e4nde, T\u00fcren und Decken wurden zu den eng gezogenen Grenzen unserer Welten. Wir wurden zu Architekten dieser Behausungen, indem wir uns die Dinge, Geschichten und Erinnerungen, die uns ausmachen, ins Ged\u00e4chtnis riefen und sie von Neuem erbauten. Wir waren gezwungen zu erkennen, wie unsere unmittelbarste Umgebung den Ausgleich zwischen unseren W\u00fcnschen und ihrer Erf\u00fcllung vermittelte.<\/p>\n<p class=\"p2\">Jahrm\u00e4rkte bieten Illusionen. In unserer romantischen Vorstellung von Jahrm\u00e4rkten suchen und finden wir Nervenkitzel, verlieren uns selbst. Michael Balint beschrieb Vergn\u00fcgungsparks als universelles Ph\u00e4nomen und folgerte daraus, dass sie wohl auf wesentliche menschliche Bed\u00fcrfnisse reagieren m\u00fcssen. Auf dem Jahrmarkt und im Zirkus k\u00f6nnen wir das Vergn\u00fcgen des Schwindels und der Schwerelosigkeit, der Halluzination, der Aggression und des Stabilit\u00e4tsverlusts erleben. Wir k\u00f6nnen in Zaubertricks das scheinbar Unm\u00f6gliche sehen. F\u00fcr Balint ist der Rummelplatz der Ort, von dem aus man die Freuden der Regression, der zuf\u00e4lligen Begegnungen, des Gewinnens und Verlierens, des Gl\u00fccksspiels an Spielautomaten, der Peepshows und des Taumels erleben kann. Wir k\u00f6nnen klebrig-s\u00fc\u00dfe Speisen essen, Zuckerwatte oder frittierten Teig, der von Zucker und Fett trieft. Die Welt wird zur B\u00fchne, der Rummelplatz oder der Zirkus wird zur Welt. Es sind Orte, an denen die Routine durchbrochen wird, und die Regeln nicht mehr gelten. Solche Orte erm\u00f6glichen es uns, Belohnungen im Exzess oder in der Aggression und der Regression in die Kindheit zu finden und die Bedeutung der Welt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"p2\">Der Sattel, der einmal auf einen Esel gespannt war, wurde auf dem R\u00fccken der K\u00fcnstlerin von Marokko nach Wien getragen. Er wurde untersucht und umfunktioniert. Nun sitzt er vervielfacht auf Stahlbeinen. Wir d\u00fcrfen den Sattel und unter Umst\u00e4nden auch den Esel auf dem R\u00fccken tragen. Die Gegenst\u00e4nde der Vergangenheit, die von der Gegenwart als vergangen bezeichnet werden, aber nicht wirklich vergangen sind, werden mit Dingen der Gegenwart kombiniert. Sie werden geformt, gegossen, bemalt, gen\u00e4ht, sie werden geh\u00e4rtet oder weicht gemacht, ihre Materialien werden ausgetauscht, um eine architektonische Poetik zu schaffen, eine Wohnlandschaft, die von einer Poetik der Nachbildung beherrscht wird. Die unaufh\u00f6rliche Suche der Moderne nach dem Neuen wurde fixiert, integriert und kanonisiert. Johanna Magdalena Guggenbergers Umnutzungen zeigen uns einen Weg, die R\u00e4nder der Moderne umzugestalten, um die unzeitgem\u00e4\u00dfen Formen einzubeziehen, die mit der Gegenwart mitliefen und mitlaufen, die vernachl\u00e4ssigt und weggeworfen wurden, nutzlos und elend. Diese Formen sind nicht auf das Neue ausgerichtet, sondern fungieren als Teleskope der Zeit, die uns zu verschiedenen Produktionsweisen transportieren; sie sind greifbar und sinnlich, wiedergewonnen durch eine Reproduktion der Poetik und eine Poetik der Reproduktion. Die Wohnlandschaft gleicht einem Jahrmarkt, wenn wir die Welt nach poetischen Gesichtspunkten umgestalten wollen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Rose-Anne Gush<\/p>\n<p class=\"p2\">\u00dcbersetzt aus dem Englischen<\/p>\n","protected":false},"featured_media":2237,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/2232"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2237"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}