{"id":3933,"date":"2023-11-29T11:37:42","date_gmt":"2023-11-29T11:37:42","guid":{"rendered":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/?post_type=exhibition&#038;p=3933"},"modified":"2024-03-01T16:07:35","modified_gmt":"2024-03-01T16:07:35","slug":"finished-and-begun-in-the-next-one","status":"publish","type":"exhibition","link":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/exhibition\/finished-and-begun-in-the-next-one\/","title":{"rendered":"Finished and begun in the next one"},"content":{"rendered":"<p>Constanze Schweiger arbeitet in den Bereichen Bildende Kunst, Literatur, Grafikdesign und Verlagswesen. Ihre Praxen erm\u00f6glichen und informieren sich gegenseitig, und die Ergebnisse ihrer Produktion beziehen sich auf materieller, inhaltlicher, formaler, konzeptioneller und \u00f6konomischer Ebene aufeinander. In ihren Arbeiten verwendet die K\u00fcnstlerin Textilien und textile Verfahren, um Skulpturen herzustellen, die das Verh\u00e4ltnis von Zeit und Komposition sowie von Zeit und individueller Perspektive thematisieren. Ein zentraler Bezugspunkt ist dabei ein Verst\u00e4ndnis des menschlichen Subjekts als Teil eines dynamischen Netzwerks von Beziehungen mit der nat\u00fcrlichen und sozialen Umwelt, in Raum und Zeit.<br \/>\nF\u00fcr ihre Ausstellung Finished and begun in the next one hat die K\u00fcnstlerin das Duo WIENER TIMES (Susanne Schneider und Johannes Schweiger) eingeladen, die in Kollaboration mit Constanze Schweiger entstandene Serie Doodle Hands, 2023 zu pr\u00e4sentieren. WIENER TIMES sind bekannt f\u00fcr ihre stilistisch eklektischen Gebrauchsobjekte im Spannungsfeld von Design, Handwerk, Kunst und Dekoration. Ein starkes Augenmerk gilt dabei den verwendeten Textilien und dem handwerklichen Detail.<br \/>\nDas textile Material f\u00fcr sowohl die Doodle Hands-Arbeiten, als auch die in den Galerier\u00e4umen an aufgespannten Seilen h\u00e4ngenden Arbeiten Eisenblauf\u00e4rbung f\u00fcr Ballgasse 6, 2023, zwei im Wege der Cyanotypie blau gef\u00e4rbten Stoffbahnen, entstammt einer vergangenen Ausstellung Constanze Schweigers im Ausstellungsraum New J\u00f6rg in Wien. Die Wiederverwendung des Materials von im Jahr 2017 als fertige Werke pr\u00e4sentierten Arbeiten entspricht Schweigers Verst\u00e4ndnis ihrer Praxis als fortlaufendes Schreiben einer Geschichte, deren Material sich st\u00e4ndig aus allen ihren verschiedenen T\u00e4tigkeiten und ihren subjektiven Erfahrungen speist.<br \/>\n2017 hing im New J\u00f6rg ein mit Kurkuma gelb eingef\u00e4rbter Stoff von der Decke. \u00dcber die Dauer der Ausstellung verf\u00e4rbte er sich aufgrund der Einwirkung des Sonnenlichts. Sechs Jahre sp\u00e4ter treffen die Galeriebesucher:innen nun auf in Eisenblau gef\u00e4rbte Stoffbahnen. Im Zuge einer Residency im Kulturverein Salettl, Teil des Vereins Kleine Stadt Farm in der Lobau bezog Constanze Schweiger vergangenen Sommer ein Atelier nah am Wasser, umgeben von Natur und zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen. Die kurkumagelbe Textilie nahm sie dorthin mit und designierte den Inhalt der vergangenen Ausstellung zum Material der kommenden.<br \/>\nDie N\u00e4he zum Fluss und die angrenzenden Grasfl\u00e4chen machten es m\u00f6glich, das Gewebe zur Vorbereitung f\u00fcr eine neuerliche F\u00e4rbung zu bleichen: nach einem jahrhundertealten Verfahren breitete Schweiger die einmal t\u00e4glich im Flusswasser durchtr\u00e4nkte Bahn auf dem Gras aus. Die sich unter dem Einfluss von Licht und Sauerstoff bildenden Peroxide sowie bestimmte Stoffe, die bei der Photosynthese des Grases entstehen, verursachten das allm\u00e4hliche Ausbleichen der Baumwolle. Einem traditionellen Rezept f\u00fcr Cyanotypie folgend, tunkte sie den nunmehr gebleichten Stoff in eine L\u00f6sung aus Eisensalzen, die zusammen lichtempfindlich reagieren. Aus der folgenden Belichtung \u201eauf Sicht\u201c entstand der, je nach Betonung der chemischen Struktur oder des historischen Hintergrundes, Eisenblau, Preu\u00dfisch oder Berliner Blau genannte Farbstoff.<br \/>\nEine weitere bestimmende Komponente der Ausstellung 2017 war neben der kurkumagelben eine zweite Textilbahn, die ebenfalls von der Decke hing. Die 12 Meter lange Bahn aus wei\u00dfer Baumwollpopeline war mit Texten bedruckt, die Constanze Schweiger von 2016 bis 2017 f\u00fcr ihren Scrollwork-Blog constanzeschweiger. blogspot.com verfasst hatte: Schriften \u00fcber ihre eigenen Eindr\u00fccke beim Lesen von sechs Ver\u00f6ffentlichungen zu den Themen Lesen, Schreiben, Publizieren. Bezugnehmend auf Gertrude Steins Erz\u00e4hlen. Vier Vortr\u00e4ge in der \u00dcbersetzung von Ernst Jandl schreibt Schweiger etwa:<br \/>\n\u201eIch mag das Gef\u00fchl von W\u00f6rtern die tun was sie wollen\u201c. So wie kleine Ger\u00e4usche, wenn Finger \u00fcber Seiten streichen.<br \/>\nDie Betonung der Materialit\u00e4t von Text, wie sie f\u00fcr Gertrude Stein typisch ist, \u00fcbersetzt Schweiger in ein Bild der haptischen Erfahrung. \u00dcberhaupt ist die Herstellung von Momenten der \u00dcbersetzung zwischen Medien und Materialien, ihrer Vermischung und Reaktion aufeinander, konstitutiv f\u00fcr Constanze Schweigers k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit. In der H\u00e4ngung im New J\u00f6rg waren die Texte noch zusammenh\u00e4ngend lesbar. Nunmehr figurieren sie auf den Doodle Hands als Fragmente, erg\u00e4nzt um ornamentale Markierungen, die Schweiger als einen Akt der Aneignung in einer Kette von Aneignungen versteht. Der Titel der Ausstellung Finished and begun in the next one betont diese zentralen Prinzipien in Schweigers Arbeit. Man k\u00f6nnte diese Art der fortlaufenden Herstellung von miteinander materiell und konzeptuell verbundenen Objekten und Texten auch als laufendes Experiment betrachten. Wie neben Hannah Arendt auch der Philosoph Christoph Menke betont, ist das Experiment eine Weise des Handelns in der Welt: \u201eDer Experimentator stellt etwas her und setzt sich einem Geschehen aus. Das Experiment zeigt: Man muss etwas tun, um etwas zu erkennen.\u201c1 So dienen auch alle Prozesse, die Constanze Schweigers Kunstwerken ablesbar sind, immer wieder der Fabrikation von Objekten, die von einer \u201eweltorientierten\u201c (Arendt) Erfahrung von Zeit, Material und nat\u00fcrlicher wie sozialer Umwelt durchtr\u00e4nkt sind.<\/p>\n<p>1 Christoph Menke, Die Kraft der Kunst, Berlin: Suhrkamp 2013, S. 83. Vgl. auch: Hannah Arendt, Vita activa oder Vom t\u00e4tigen Leben, M\u00fcnchen: Piper Verlag GmbH, 2005, S. 412\u2013414.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":3941,"template":"","categories":[17],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition\/3933"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/exhibition"}],"about":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/exhibition"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3941"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wonnerthdejaco.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}