Eco Spring Iro

„Cy, wir mühen uns damit ab, uns ständig auf Menschen einzustellen, die denken, sie würden nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient hätten.“ Das letzte Mal, als sie sich in einem kafe gesehen hatten, war März eingetroffen. Vilfredo [1] redete immer wieder über den Aufstieg der Aufmerksamkeitsökonomie. Cyril [2] machte sich nicht viel aus den von Eitelkeit getriebenen Märkten. Er war davon überzeugt, dass Erzählungen des persönlichen Lebens bald auf eine einfache Ansammlung von Daten reduziert werden könnten, die dann von Apps fein säuberlich aneinandergereiht werden würden: „In ein paar ­Jahren werden Biografien nicht mehr mit literarischem ­Anspruch geschrieben, Vil. Das Lebensgeschichte eines Menschen in ästhetisch konstruierten Sätzen zu paraphrasieren gehört dann der literarischen Vergangenheit an!“ bemerkte er aufgeregt angesichts dieser Aussichten. „Vielmehr werden sich Biografien im Grunde selbst schreiben. Geldgierige Biografen werden einfach die Log-Einträge bestimmter ­angesagter Leute in den Daten­sammlungen großer Unternehmen wie Google Analytics oder dem wiederauflebenden Cambridge Analytica abfragen.“

“Wir haben die Performance der einzelnen Aktien analysiert, und selbst die am besten abschneidende menschliche Wertkategorie stürzte auf 22,81% ab,” fuhr Vilfredo fort, als würden ihn die Empfindungen seines Freundes nicht wirklich kümmern. Die Wand hinter ihm war mit Platten aus gepolstertem, gelbem Leder bezogen. Diese, zusammen mit den kobaltgrünen Glaslampenschirmen, die von der holzgetäfelten Decke hingen, ließ die beiden sich fühlen, als ob sie Teil der Kulisse eines französischen Renaissance-Films wären. Deshalb ging Vilfredo auch so gerne dorthin, das meido kafe Geo war der beste Ort in der Stadt, um im Schoße einer luxuriös verschwenderischen westlichen Vergangenheit zu schwelgen. Die Elektrobusse bewegten sich leise an den Fenstern vorbei, die Nachmittagssonne färbte den Himmel in ein zartes Hermosa Pink.

“Die Mid-Caps waren auch in diesem Monat am schlechtesten, die Kategorie fiel um 30,54%. Das ist das schlechteste Ergebnis seit 1987!” Ja, es stimmte, in keiner Periode war es bisher so schlimm gewesen wie in diesen beiden, und in den ersten drei Monaten diesen Jahres verzeichneten sie die schlimmsten Schwankungen überhaupt. “Okay, okay, aber Vil, du vergisst immer, dass zwei zusätzliche Währungen auf dem Weltmarkt hinzugekommen sind: Die der politischen Korrektheit und die der Fake-News. Wir mögen zwar jetzt gerade in einem schlechten Quartal sein, aber du musst groß denken, diese Trends sind doch tatsächlich schon seit 1987 absehbar gewesen. Wir sollten uns nicht auf die aufmerksamkeitsgeilen Verräter konzentrieren,” sagte Cyril und hoffte, Vilfredo endlich überzeugt zu haben.

“Darf ich Ihnen einen Taurin-Tee anbieten?”, unterbrach die hübsche Serviererin. “Es geht auf’s Haus.” Sie lächelte, und ihre Augen verschwanden nahezu unter dem seidig schwarzen Pony. Cyril und Vilfredo nickten abwesend und fühlten sich fast außerstande, ihre Tabellenkalkulationen und Aufzeichnungen aus dem Weg zu räumen, damit sie die kalaminblauen Tassen, die mit der heißen, türkisgrünen Flüssigkeit gefüllt waren, abstellen konnte. “Ich kann nicht verstehen, warum dich das nicht aufregt, Cy?! Die Investoren sind davongerannt, die Märkte sind auf ein Rekordtief nach dem anderen gefallen, dann sind sie eingebrochen, und jetzt befinden wir uns im Stillstand. Die Konsumenten sind zu Tode gelangweilt. Die Zahlen unten zeigen es, schau dir die Renditen auf Quartalsbasis an, die Kategorien sind sogar um 31,36% gefallen, und, nochmals, das ist die schlechteste Performance seit 1987!” Vilfredo durchsuchte die Papiere und stieß dabei versehentlich an eine der Tassen, das Porzellanbehältnis kippte erst und geriet dann ins Wanken. Die schrille, grüne Flüssigkeit ergoss sich über die Tabellen und verwischte einige der Zahlen. “Haha, such’s dir aus, würde ich sagen!” Cyril lachte Vilfredo mit einem Gefühl der Genugtuung aus, “Wenn der Markt nach einer dieser reißerischen Geschichten über das Leben einer bestimmten Very Important Person verlangt, werden die Schreiber zeitgleich in Scharen zu ihren Ladestationen hinlaufen, um Daten zu einer dieser heiß begehrten Stories zu ergattern. Bald können wir sicher auch schon zusammenhängende Sätze aus der Kette von Ereignissen konstruieren, die im Suchverlauf einer Person gespeichert sind. Information, reine Information und ihre ganze ästhetische Pracht ist dann nur noch durch die Konstruktion ihrer Verknüpfungen bestimmt. Dann brauchen wir nur noch Varianten Wortes “und”! So einfach ist das. Wir sollten uns nicht mit den Verfehlungen von Heute aufzuhalten, Vil, ganz und gar nicht.” Alle sind zu Usern geworden, und zwar zu sehr durstigen. Die Wissbegierde der Menschheit ist auch noch nach Jahrtausenden nicht gestillt.

„Es gibt so viel zu besitzen und noch so viel davon auf den sozialen Medien zur Schau zu stellen. Ein Merkmal unseres Zeitalters ist es doch, so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen, um dann möglichst schnell extrem viel Power anzuhäufen. Und Power kann sowohl mit Katzen, Urlaub oder auch einem dicken Hintern generiert werden…“ sagte Vilfredo nicht ohne Sarkasmus. „Es wurden massenhaft Memes von Phoebe Waller-Bridges alten Gesicht gemacht, um uns damit zu vergleichen, oder was auch immer, aber das tut nichts zur Sache, Cy“ „Vil, du musst verstehen, eine ästhetische Maxime der heutigen Zeit ist es, keine halben Sachen zu machen. Vollgas! Drück alles im Extrem aus. Was irgendwer sagt, zählt erst, wenn es laut genug gesagt wurde.“ „Ist dir aufgefallen, wie süchtig ich nach Schlaf bin, Cy? Ich bin müde, ich bin es leid, meine Aufmerksamkeit herzugeben und immerzu zu geben, aber so wenig zurück zu bekommen.“ Jetzt klang Vilfredo matt, während er mit der vor ihm entstandenen Pfütze aus blaugrünem Zuckerwasser und der sich auflösenden schwarzen Tinte herumspielte.

„In Ordnung, alter Freund, ich stimme dir vollkommen zu, wir befinden uns in einer ermüdenden Konjunktur.“ Cyril gab etwas Salz in die zuckerhaltige Flüssigkeit, wodurch kleine pfirsichrote Punkte entstanden. „Weißt du was? Das nächste Mal sollten wir uns zu einem Spaziergang im Sky Park [3] treffen.“ Die Mülldeponie von Nanjido war mit dem städtischen Abfall verseucht, im Oktober 1999 begann die regierende Partei damit, die Fläche von 58.000 Pyeong in ein natürliches Ökosystem umzuwandeln. Es wurde am 1. Mai 2002 eröffnet. „Ich weiß, wie sehr du auf das Thema Reverse Engineering stehst, Vil!“ Cyril spritzte Vilfredo mit einer flinken Handbewegung etwas Wasser zu, das sich auf der Tischoberfläche langsam in ein Nilblau verwandelte. Vilfredo antwortete in einem ruhigen Gebaren, während er sich die Tropfen von seinem ­weißen Wollpullover wischte: „Wusstest du, dass 100 kW Strom von einem 30 Meter hohen Turm erzeugt werden, und dass sie fünf dieser riesigen Windturbinen als Energiequelle für die parkeigenen Anlagen installiert haben? Die Toiletten sind mit diesen blassen, zitronengelben Lampen ausgestattet, die mit natürlicher Energie versorgt werden. Dieser Strom treibt nicht weniger als 1350 LED-­Röhren an, die entlang der Wege im Park angebracht sind. Die Vertikalität der Technik wird der Horizontalität der Landschaft gegenüber gestellt. Ja, diesen Park mag ich schon sehr.“ Cyrils Blick schweifte hinaus in den nun dunkelblau gewordenen Himmel. Er spürte, wie auch ihn eine Müdigkeit überkam. „Ja, ich weiß…“ sagte er träumerisch.

1 Vilfredo Pareto
2 Cyril Northcore Parkinson
3 Sky Park, Seoul, Korea

Text von Jennifer Gelardo
Begleitend zur Ausstellung von Axel Koschier

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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
Installation view
Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, 3, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
3, 2021
Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Left: Axel Koschier, 7, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm. Right: Axel Koschier, o. t., 2021, plastic, metal, wood, LED modules, 180 × 14 × 12 cm. Courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
o. t., 2021
Axel Koschier, 7, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
7, 2021
Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Left: Axel Koschier, o. t., 2021, plastic, metal, wood, LED modules, 180 × 14 × 12 cm. Right: Axel Koschier, 6, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm,. Courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
o. t., 2021
Axel Koschier, 6, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
6, 2021
Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, 5, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
5, 2021
Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Left: Axel Koschier, 12, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm. Right: Axel Koschier, o. t., 2021, plastic, metal, wood, LED modules, 180 × 14 × 20 cm. Courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
o. t., 2021
Axel Koschier, 22, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
22, 2021
Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, 12, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
12, 2021
Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, märzzimmeraprilzimmer, installation view, Wonnerth Dejaco, Vienna 2021, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
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Axel Koschier, 21, 2021, watercolour, cotton, wood, 150 × 10 cm, courtesy Wonnerth Dejaco and the artist. Photo: Peter Mochi
21, 2021